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Die Preussen greifen den Osten an

 

Berlins Drittligist will mit dem neuen Trainer Uli Egen zu einer Konkurrenz für die Eisbären reifen. Der Klub träumt von großen Auftritten und Aufstiegen.
Claus Vetter

Kleine Halle, große Pläne. Mit Uli Egen als Trainer wollen die Preussen wieder nach oben. Foto: Sven Wendt/promo

Kleine Halle, große Pläne. Mit Uli Egen als Trainer wollen die Preussen wieder nach oben. Foto: Sven Wendt/promo

Es wäre ja völlig normal, wenn der Mann mit der kräftigen Statur von der Vergangenheit schwärmen würde. Von den ruhmreichen Zeiten des BSC Preussen, der einst im geteilten Berlin im Westen der Stadt eine große Nummer im Sport war. Aber das macht Holger Wettlaufer nicht. Der Unternehmer aus dem Rheinland redet vor allem über die Zukunft seines Klubs, der inzwischen ECC Preussen heißt und als Drittligist außer dem Namen nicht mehr viel gemein hat mit dem Klub, der einst in Bundesliga und Deutscher Eishockey-Liga (DEL) eine Spitzenmannschaft war. Wettlaufer lächelt. „Da könnte es dann auch mal langfristig wieder hingehen“, sagt der neue Mäzen des Klubs.

Vor wenigen Monaten erst ist Wettlaufer beim Oberligisten eingestiegen; als Geldgeber und als Vizepräsident. Und der Kölner hat etwas bewegt, glaubt er. In den Strukturen nach innen und auch, was den Sport betrifft: Als neuen Trainer hat er Uli Egen verpflichtet, in den Achtzigern Preussen-Spieler und dann zwei Jahrzehnte später Eisbären-Trainer. Der weitgereiste Allgäuer ist eine große Nummer im Berliner Sport. Und kein Trainer, der für ein ganz schmales Gehalt zu haben ist. Egen sei ein Signal, sagt Wettlaufer. „Der Trainer ist der wichtigste Mann im sportlichen Bereich. Mit Egen zeigen wir, dass wird es ernst meinen.“

Ganz nach oben. Die Preussen greifen den Osten an? Der einstige Konkurrent Eisbären Berlin ist mit seiner Arena am Ostbahnhof und sieben deutschen Meisterschaften in den jüngsten Jahren die Nummer in Berlins Eishockey. Die Preussen sind weniger Gegenwart als Vergangenheit. Ihre Halle an der Jafféstraße war sehr oft voll, wenn Georg Holzmann, Tony Tanti, Tom O’Reagan und John Chabot die Gegner schwindelig spielten. Doch die Halle an der Jafféstraße gibt es seit Jahren nicht mehr, auch der Nachfolgespielort, die Deutschlandhalle, wurde abgerissen. Die Preussen sind inzwischen an den Rand von Charlottenburg gedrängt, spielen in einem neuen kleinen schmucklosen Zweckbau an der Glockenturmstraße. „P09“ heißt die Funktionshalle. Ein schlechter Name in der Außendarstellung, sagt der neue Mäzen, fortan würde man die Halle „Eissporthalle Charlottenburg“ nennen.

Der neue Mäzen träumt von einem Spiel im Fußballstadion

Erst einmal gehe es darum, sich in der Oberliga zu etablieren, langsam hoch zu kommen und dann mittelfristig an die DEL2 zu denken. „Es ist wichtig, dass der Klub wieder fester in Charlottenburg verankert wird, dass die Menschen ihn mit ihrem Bezirk verbinden. Aber ganz Berlin ist willkommen bei uns!“ Das sperrige „ECC“ (Eishockey Club Charlottenburg) vor dem Preussen will er nicht mehr hören. „Wir nennen uns nur noch Preussen“, sagt der Mäzen. Es ginge darum, „ehrliches Eishockey“ zu zeigen. Sozusagen einen Gegenentwurf zur glattgebügelten Show, die die Eisbären in ihrer Riesenarena Woche für Woche zelebrieren. Aber es wird nicht ganz so einfach, angesichts des großen Angebots in Berlin, die Menschen davon zu überzeugen, sich einen drittklassigen Eishockeyklub anzuschauen – auch wenn die Namen der Gegner interessant klingen.

Die Halle in Charlottenburg ist auf Dauer viel zu klein, nur 1000 Zuschauer passen hinein

Essen, Duisburg, Hamburg, Hannover – in Liga drei haben sich viele Klubs aus Städten versammelt, in denen es einst auch mal DEL zu schauen gab. Dazu kommen dann noch Vertreter aus dem Osten, aus Rostock, Halle oder Erfurt. Und dann gibt es mit den Tilburg Trappers auch noch einen Klub aus den Niederlanden. Uli Egen kennt sich aus, er hat in den vergangenen Jahren einige Klubs in der Oberliga betreut. „Da gibt es viele sehr professionelle Teams. Für uns kann es erst einmal nur darum gehen, die Play-offs zu erreichen.“ Sollte möglich sein bei nur 13 Mannschaften – schon der Zehnte kommt in die Pre-Play-offs.

Aber auch Egen, der im Jahr 2002 die Eisbären verlassen hat und inzwischen 62 Jahre alt ist, weiß, dass bei der neuen Offensive der Preussen auch Geduld gefragt ist. Die habe er, obwohl sein Vertrag zunächst nur für ein Jahr läuft. „Wir brauchen noch Verstärkung für die Verteidigung. Aber wir können einen guten Weg einschlagen mit der Mannschaft.“ Nur wegen Wettlaufers Plänen sei er in Berlin. Egen gerät ins Schwärmen. „Damals bei den Preussen war ja bei uns in der Zweiten Liga die Halle an der Jafféstraße fast immer ausverkauft. Schön, wenn wir da nun in der kleinen Halle auch mal hinkommen.“

Mit Geld lässt sich im Eishockey fast alles regeln, aber solche Möglichkeiten wie die Eisbären und ihr Mäzen Anschutz haben die Preussen natürlich nicht. Aber sie hätten viele Ideen, sagt der neue Mäzen, Chef eines Sicherheitsunternehmens im Kölner Raum. Die größte Idee ist: Ein Open-Air-Spiel der Preussen im Fußballstadion, nach Vorbild der Winter Games in der DEL. Wenn die Eisbären schon nicht in das Olympiastadion wollen… Aber, mal ganz leise, sagt Wettlaufer, das Olympiastadion sei natürlich zu groß und erst einmal sei das eine Vorstellung in seinem Kopf, nicht mehr. Konkreter sei sein Vorhaben, die Preussen in Berlin in einer Traglufthalle spielen zu lassen. „Im Zelt“, wie er sagt.

Die Halle in Charlottenburg sei auf Dauer viel zu klein, nur 1000 Zuschauer passen hinein, die Eiszeiten sind ein Problem. Denn die Preussen haben sogar eine zweite Mannschaft, 200 aktive Mitglieder, einen breiten Nachwuchs, dazu eine Para-Eishockey-Mannschaft – und müssen sich die Halle noch mit anderen Klubs teilen.

Am 21. September beginnt die Saison in der Oberliga für die Preussen, mit einem Spiel bei den Hannover Indians

Wettlaufer ist trotzdem zuversichtlich: „Wir werden schon verschiedene Aktionen starten, um neue Fans zu begeistern.“ Siege seien nicht alles, sondern Sympathie. „Ein hart umkämpften 5:6 ist oft mehr wert als ein 6:1.“ Und dann holt der Kölner, der auch schon für die Kölner Haie spielte, tief Luft: „Der FC hat in Köln seit Jahrzehnten keinen Schneeball mehr gewonnen, trotzdem ist das Stadion voll.“ Die Marke sei wichtig und da seien die Preussen ganz groß.

Das mit dem Namen ist aber auch eine Verpflichtung. Viele der 200 bis 300 Zuschauer, die vergangene Saison zu den Spielen pilgerten, sind aus besseren Zeiten übriggeblieben und tragen noch Tanti- und Holzmann-Trikots.

Dirk Franke ist sich dessen bewusst. Er ist Vorstandsmitglied, Sprecher des Klubs und für die Musikbeschallung in der Halle verantwortlich. Er kommt wie Wettlaufer nicht aus Berlin – hat also mit der Preussen-Tradition weniger zu tun. „Cotton Eye Joe“, ein Gassenhauer aus den frühen Neunzigern, wird in der kommenden Saison trotzdem wieder in der Halle eingespielt. „Es gehört einfach dazu, bedingt durch unsere vielen langjährigen Anhänger“, sagt Franke. Natürlich werde er auch moderne Songs einspielen. Denn anders wird es wohl kaum gelingen, neue Zuschauer zu begeistern.

Bis dann eines Tages „Cotton Eye Joe“ nicht mehr gespielt wird und es wieder einmal ganz oben ein Derby mit den Eisbären auf Augenhöhe gibt – das letzte war im Jahr 2002 – wird es wohl noch ein paar Jahre dauern. Am 21. September beginnt die Saison in der Oberliga für die Preussen, mit einem Spiel bei den Hannover Indians. Zwei Tage später kommt Essen in die Halle am Glockenturm.

Autor
Claus Vetter
Redakteur

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